Interview: Digitalisierung in der Kunstwelt – Fluch oder Segen?


Die Digitalisierung und die daraus resultierenden neuen Möglichkeiten und Herausforderungen werden je nach Perspektive als Fluch oder als Segen für die Kunst und Kultur gesehen. Die Macher der Online-Plattform Singulart bezeichnen sich als „digitale Revolutionäre in der Kunstwelt“. Ich habe mit Louisa Baumgärtel von Singulart über Kunst im Allgemeinen und im Digitalen gesprochen.

Marlene: Was ist Kunst und wer ist ein Künstler?

Louisa: Ich denke, dass Kunst sich nur schwer in eine Definition zwängen lässt. Sie gibt jedem die Freiheit, sich seine eigenen Gedanken zu machen und oft bringt sie Menschen zusammen, regt zum Nachdenken und auch Kommunizieren an. Generell gesprochen ist Kunst eine Form des künstlerischen Ausdrucks, welche eine Bedeutung und Intention inne hat.
Ich würde an dieser Stelle einen unserer Künstler Johannes Kriesche zitieren, der sein Kunstverständnis sehr toll beschrieben hat: “Leben ist Kunst und Kunst ist Leben, ein Wechselspiel das von uns Künstlern zum Kulturellen Gedächtnis für die Gesellschaft zurückbleibt und von einer Zeit erzählt, die es dann schon bald nicht mehr gibt.”​.
Allgemein gesprochen, kann jeder Künstler sein, der künstlerisch tätig ist. Auf Singulart vertreten wir jedoch nur professionelle Künstler, die ihren Lebensunterhalt mit der Kunst verdienen, ihre Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentieren und beispielsweise an Preisverleihungen, Studien- und Residenz-Programmen teilnehmen.

Marlene: Wie funktioniert Singulart?

Louisa: Singulart ist eine junge Online-Galerie für renommierte und aufstrebende Künstler weltweit. Wir bieten eine exklusive, internationale und mehrsprachige Plattform, um Künstler zu entdecken und Kunst zu kaufen. Dabei fungieren wir nicht als Wiederverkäufer, sondern sehen uns als Vermittler zwischen Künstlern und Sammlern und bieten beiden Seiten einen vielseitigen und persönlichen Service. Unsere Motivation ist, Künstler international zu unterstützen. Durch unsere Galerie, unsere digitalen Möglichkeiten und unserem Marketing-Know How verhelfen wir ihnen, ihre Werke selbstständig und unabhängig einem weltweiten Publikum vorzustellen. Wir bestehen seit Anfang letzten Jahres und werden durch vielzählige private und öffentliche Investoren unterstützt und wachsen seit unserem Webseiten-Launch im August 2017 rasant: Mittlerweile vertreten wir Künstler aus über 45 Nationen und merken anhand täglicher Verkäufe, dass unser Konzept aufgeht und Kunstliebhaber keine Scheu vor dem Online-Kunstkauf haben!

Marlene: Du hast euch von Singulart als „digitale Revolutionäre in der Kunstwelt“ bezeichnet. Warum?

Louisa: Ein Teil der Kunstwelt sieht die Digitalisierung noch als Schreckensgespenst, wir sehen diese jedoch als Chance! Wir nutzen die Möglichkeiten, die es bereits gibt, um Künstler zu vertreten und ihnen die Selbstständigkeit zu geben, die sie mit physischer Galeriearbeit nicht (oder nur in gewissem Maße) haben. Es gibt zwar bereits einige Online-Galerien, jedoch ist unser Konzept und unser Service einzigartig.

Absoluter Vorreiter in Sachen Digitalisierung unter den deutschen Kunstmuseen: Das Städel in Frankfurt.

Absoluter Vorreiter in Sachen Digitalisierung unter den deutschen Kunstmuseen: Das Städel in Frankfurt.

Marlene: Hast du das Gefühl, dass gerade in der Kunst-Szene die Digitalisierung noch nicht weit fortgeschritten ist? Was sind die Ängste und Vorbehalte der Künstler, Sammler und Museen?
Louisa: Alle möglichen Bereiche des Lebens haben sich bereits digitalisiert und einer Veränderung unterzogen. Doch die Kunstwelt – und vor allem auch der Kunstkauf – sind noch sehr analog. Laut diverser Studien (z.B. Hiscox Jahresbericht) steigt das Kaufvolumen des Online-Kunstmarktes, jedoch macht dieser Anteil trotz des Anstiegs nicht mal 10% des gesamten Markts aus. Das zeigt sehr gut, dass die Kunstwelt teilweise noch zögert, sich dem Online-Trend gegenüber zu öffnen. Wir glauben daran, dass sich dies nach und nach ändern wird.
Vor allem die Galerien fühlen sich vom Online-Kunstkauf bedroht und sehen in Online-Galerien einen starken Konkurrenten. Galerien und Museen rümpfen die Nase und es heißt, dass Kunst nicht digital angeboten werden kann. Auch andere Stimmen werden laut, dass Kunst durch illegale Bildverbreitung und Vervielfältigung nicht mehr exklusiv, geschützt und gewertschätzt wird.
Auf Seiten der Sammler bestehen Bedenken, dass die Erfahrung des Kunstkaufs nicht an das analoge Erleben rankommt: Größe, Farbe, Wirkung können nicht direkt erlebt werden.
Natürlich kommen mit diesem Online-Trend auch zahlreiche Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Aber neue Technologien erobern den Markt und verbessern das digitale Kauferlebnis und stärken die Kunst und Künstler. Online und Offline-Galerien können Hand in Hand gehen und müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Wir arbeiten bei Singulart tagtäglich daran, die Chancen der Digitalisierung wahrzunehmen und haben einen hohen, qualitätvollen Anspruch an unsere Arbeit und wissen, dass unsere Kunden das ebenso wissen und schätzen.

Marlene: Welche Vorteile bringt die Digitalisierung für Künstler, Kunstmarkt und Kunstmuseen?
Louisa: Die Digitalisierung birgt vor allem viele Vorteile für Künstler: Die Art und Weise sich und seine Kunst zu präsentieren, wird vielseitiger. Sie können Menschen weltweit erreichen und bewegen. Gerade soziale Plattformen wie Instagram sind für Künstler neue Bühnen, um auf sich aufmerksam zu machen! Ebenfalls bieten Online-Galerien eine flexible, freiere Art und Weise sich international zu präsentieren.
Auch Museen können von der Digitalität profitieren und Trends hin zur digitalen Kunstvermittlung können positiv und mit Spannung beobachtet werden. Ich denke gerade durch neue Technologien werden jüngere Besucher auf internationaler Ebene angesprochen. Durch die Digitalisierung wird Kunst für alle zugänglich und das ohne zeitliche und räumliche Grenzen! Man kann also von einer Demokratisierung von Kunst durch die Digitalisierung sprechen.

Marlene: Welche Museen sind deiner Meinung nach Vorreiter in Sachen Digitalisierung?
Louisa: Generell besteht der Eindruck, dass vor allem (natur-)wissenschaftliche Museen eher in der digitalen Vermittlung fortgeschritten sind. Aber auch Kunstmuseen nähern sich immer mehr den digitalen Medien an. In Deutschland kann ich vor allem das Städel Museum in Frankfurt mit seiner digitalen Sammlung nennen.
Aber auch international gibt es erste Flaggschiffe der Digitalisierung. Ganz aktuell kann man das digitale Projekt L’Atelier des Lumières in Paris aufzeigen: In der Nähe von Père Lachaise entstand eine digitale Ausstellungsfläche, wo Besucher die großen Kunstwerke der alten Meister auf eine Wand projiziert bewundern können. Dies ist eine ganz neue Art der Kunstvermittlung und eine spannende noch dazu!

Marlene: Gibt es auf Instagram Kunst?

Louisa: Instagram ist eine neue Plattform für Künstler, um sich und seine Kunst zu präsentieren. Auf der anderen Seite stellt sich auch die Frage: Wer ist Künstler? Ab wann ist Kunst, Kunst? Die Selektionskriterien und die Kunstszene verändert sich dadurch, es gibt mittlerweile Fotografien und Malereien, die durch Instagram bekannt wurden und sich auch größtenteils durch die Arbeit auf der sozialen Plattform finanzieren. Soziale Medien und das Internet bringen auf jeden Fall frischen Wind in die Kunstszene und bereichern auch den öffentlichen Diskurs – Kunst ist nun leichter für alle zugänglich.

Die Ausstellung "Digital Normality", 2018 im Museum der bildenden Künste Leipzig, präsentierte digitale Kunst - und sprach damit tatsächlich verstärkt ein jüngeres Publikum an.

Die Ausstellung „Digital Normality“, 2018 im Museum der bildenden Künste Leipzig, präsentierte digitale Kunst – und sprach damit tatsächlich verstärkt ein jüngeres Publikum an.

Marlene: Wie ist es deiner Meinung nach möglich, virtuelle Kunst auszustellen und zu sammeln?
Louisa: Das Kunstsammeln kann durch Online-Galerien deutlich einfacher gemacht werden: das Entdecken von Künstlern und der Kauf von Werken internationaler Künstler wird ermöglicht, ohne extra eine Reise zur nächsten Galerie anzutreten. Auch der Service und die Beratung werden schneller, direkter und flexibler. Beispielsweise bieten wir unseren Kunden einen 14-tägigen Rückgabeservice an. So kann er trotz dem digitalen Kunstkauf auch “offline” das Kunstwerk erst einmal bewundert und es bei Nichtgefallen kostenlos wieder zurücksenden. Somit nehmen wir die Bedenken, die Kunstsammler gerade beim ersten Online-Kunstkauf haben.
Aktuell gibt es bereits zahlreiche technische Möglichkeiten, um Kunst auszustellen, etwa durch hochauflösende Fotos, Scans, Zoom und 360° Fotografien. Durch stetige Weiterentwicklung wird die bildliche Online-Darstellung verbessert und die Kunsterfahrung vielseitig erfahrbar gemacht. Aber die Zukunft hält sicher einige Neuerungen bereit und neue Techniken wie beispielsweise Augmented Reality werden in Zukunft eine größere Rolle spielen.

Vielen Dank an Louisa Baumgärtel für das interessante Gespräch. Ich muss gestehen, dass ich Kunst bisher eher selten und wenn dann spontan – z.B. wegen einer Ausstellung – gekauft habe. Allerdings würde ich mich selbst auch nicht als Sammler bezeichnen! Seht ihr auch die Zukunft im digitalen Kunstmarkt? Über Meinungen und Erfahrungen per Kommentar würde ich mich sehr freuen.


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